Der Herrgottsschnitzer - Familienforschung im Kreis Cochem-Zell

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Vom Eifeler Hütejungen zum Altarschnitzer

In der einsamen Filialkirche zu Driesch droben an der alten Heerstraße Trier - Koblenz steht seit nahezu drei Jahrhunderten der nur von berufenen in- und ausländischen Kunstfreunden in seinem wahren Wert erkannte und gewürdigte “Bitter-Leidens-Altar”, ein erhabenes Werk des bäuerlichen Barock, das jeden Beschauer wegen seiner unmittelbaren Wirkung innerlich packt und zutiefst beeindruckt. Nach der mündlichen Überlieferung ist dieses Meisterwerk um 1670 von dem Bauernschreiner Bartholomaeus Hammes aus dem nahen Eifeldorf Alflen geschaffen worden und gilt heute als einer der eindrucksvollsten und schönsten Barockaltäre des Rheinlandes. Schriftliche Aufzeichnungen über die Entstehung des Kunstwerks und das Lebenschicksal seines Schöpfers sind bisher leider nicht bekannt geworden, und so vermag man sich bei deren Darstellung nur auf die allerdings in den umliegenden Höhendörfern erstaunlicherweise noch sehr lebendig gebliebenen mündlichen Quellen zu stützen.
Auf den herbstlichen “Schlackerwiesen” nahe der uralten Drei-Mareien-Kapelle hütet der 13jährige Bartholomaeus die mageren Kühe seines Vaters, des geplagten Kleinbauern Florian Hammes. Derweil die anderen Hütebuben drüben in den Kahlschlägen des Bummerwaldes ihren kindlichen Spielen nachhängen, hockt der versonnene Knabe Barthel allein unter der schattigen Wetterbuche am Drei-Mareien-Born und schnippelt wie besessen mit seinem Taschenmesser an einer knorrigen Haselwurzel. Er ist so in sein Werk vertieft, daß er gar nicht merkt, wie die junge Fuhrkuh nebenan in einen Rübenacker geraten ist und erst erschreckt auffährt, als die schmerzenden Stockhiebe des gestrengen Flurschützen Fränkel auf ihn niederprasseln. Hastig verbirgt er die Schnitzerei in seiner Korrestasche und springt über den Wiesenbach, um die schleckerige Kuh aus dem Feldschaden zu treiben. Danach bosselt er unbeirrt an dem zähen Wurzelknast weiter. Beglückt wird ihm inne, daß der Kopf, der als Stockkrücke gedacht ist, leibhaftig seinem Taufpaten, dem Kirchenschöffen Jörg, wie aus dem Gesicht gespauzt ähnelt. An Christtag will er den verehrten Paten mti dem fertigen Stock überraschen. Zuvor sind aber noch auf der Rückseite des Kopfes die lieben Gesichter der Bas Liß und ihrer beiden Kinder einzugraben, auf daß die Patenfamilie auch vollzählig beisammen sei.
In der warmen Schulstube auf dem Überdorfer Gemeindebackes zu Alflen hält der greise Pfarrherr Matthias Idtges die winterliche Kinderlehre. Es fällt ihm sichtlich schwer, die unruhigen Bauernbuben beim Buchstabieren der Katechismusfragen zu halten. Da kreischt in den hintersten Bänken der Lunnen-Jäb jäh auf. Als der Pfarrer dem Vorfall nachgeht, stellt es sich heraus, daß der sonst so verträumte Hammes-Barthel seinem Nachbarn unter der Bank ein kleines Holzkästchen hingereicht, und da dieser es neugierig öffnete, schnellte daraus ein aus lauter fest aneinander gereihten Holzplättchen gefertigtes Schlänglein und stach ihn mit einer spitzen Nadel im Maul in die ahnungslose Hand. Aufmerksam betrachtet der Katechet den kunstvollen Mechanismus der Holzschachtel. Auf seine Frage an Barthel, wo das Kästchen herstamme, gesteht dieser stockend und errötend, er habe es selbst ersonnen und dann heimlich auf des Vaters Pflugschnitzelbank angefertigt. Pastor Idtges läßt vorerst das kleine Kunstwerk aus rötlichem Kirschholz in seine weite Soutanentasche gleiten. Als der Vorfall längst vergessen scheint, fragt der Pfarrer eines frühen Morgens den Meßdiener Barthel beim Ankleiden in der Sakristei, ob er Lust habe, das Schreinerhandwerk zu erlernen. “Gerne”, entgegnet errötend der Junge, “aber dafür hat mein Vater kein Geld!” - “Hm”, meint der Priester und bestellt um den Kathreinentag abends den langen Hammes-Bauern ins Pfarrhaus. Kurz nach Ostern packt dann die Hammes-Mutter ihrem jüngsten Sohn das Ränzel und begleitet ihn mit schlecht verhohlenem Abschiedsweh zur Thurn- und Taxischen Posthaltestelle droben am Chasseehaus. Pastor Idges war im Winter eigens nach der Bischofsstadt an der Mosel gereist und hatte dort Barthel eine Lehrstelle bei dem ehrsamen Kunstschreiner Meister Birkbach ausgemacht. Alles Lehrgeld mitsamt den Reisekosten nahm der gütige Pfarrer auf seine Kappe. So wurde aus dem unbekannten Eifeler Bauernjungen ein Altarschnitzer und Holzbildhauer, der später in seinen Wanderjahren durch Süddeutschland bis zur fernen kaiserstadt Wien gekommen ist. Zuletzt trieben ihn aber doch das Heimverlangen, verbunden mit den allgemeinen Nöten nach Beendigung des Dreißigjährigen Krieges wieder in sein stilles Eifeldorf, wo er sich als Bauernschreiner niederließ. Als ein Jahrzehnt danach die Kurtrierische Ritterschaft der wundertätigen Schmerzensmutter im wiederaufgebauten Driescher Wallfahrtskirchlein einen neuen Altar schenkte, da vermittelte der inzwischen im hohen Alter völlig erblindete Meister Birkbach in Trier seinem ehemaligen Lehrbuben Barthel diesen ehrenvollen Auftrag. In jahrelanger mühevoller Arbeit gestaltete und schuf Bartholomäus Hammes dann seinen einzigartigen “Bitter-Leidens-Altar”.
Schon wenn man die uralte Driescher Dorfkapelle durch as niedrige Portal betritt, ist man überrascht von der überwältigenden Wucht des Hochaltars, der die Enge des Chors nach den Seiten und nach oben hin zu springen scheint. Wie gebannt schreitet man den schmalen Gang hinauf dem Altarwerk zu und versinkt ergriffen in dessen Betrachtung, um nur schwer wieder von dem Anblick dieses Wunderwerks einer vergangenen Kultur- und Kunstepoche loszukommen. Wenn die Kunsthistoriker behaupten, das Barock sei die Reue der Gotik über ihren Sündenfall in die Renaissance, dann überzeugt der Altar, daß diese Reue echt und stark gewesen sein muß und die Menschenseelen ergriff bis fern hinein ins einsamste Eifeldorf. In kühnem Aufbau, in vollendeter Kompoistion und in rührend-frommer Eindringlichkeit zeigt das Altarwrk in elf markanten Bildern das Leiden und Sterben Christi. Die gewaltige Symphonie des Gott-Menscheitsdrams ist in jenen Bilderreliefs mit bezwingender Kraft zu einer Schau gestaltet, die man nie wieder vergißt. Ein Hauch der Ewigkeit webt in diesem Werk von Menschenhand und entrückt den Beschauer aus der ärmlichen Umgebung eines shlichten Dorfkirchleins in die überirdisch-göttlichen Gefilde der Religion und Kunst. Wohl spürt man beim Betrachten der Einzelbilder erschüttert das gewaltige Leidensdrama des Erlösers in seiner irdischen Schwere, aber die Gesamtkomposition überstrahlt verklärend das Sterben und den Tod des Gottmenschen schon vorausahnend mit dem Sieg der morgigen Auferstehung.
Welch handwerklich-körperliche Leistung steckt allein in dem ganz aus zähem Eifeler Eichenholz geschnitzten Altarwerk von solch riesigen Ausmaßen! Die Volksüberlieferung berichtet, daß der Meister gelobte, nicht eher zu heiraten, bis das monumentale Werk vollendet sei. Vierzig Jahre wurde er darüber alt und erst dann gründete er eine Familie mit einem jungen Dorfmädchen, der neun tüchtige Kinder entsprossen. Aber noch eine harte Probe stellte das Schicksal dem Schöpfer des Altars, bevor dieser endgültig im Driescher Kirchlein aufgerichtet werden konnte. Als das Altarwerk vollendet war, verlud man die Einzelteile auf Bauernwagen, um sie aus der Werkstatt nach Driesch zu bringen. Auf der alten Heerstraße am sagenumwobenen “Kolwerborn” brach der Teufel in Gestalt eines riesigen Wolfes aus dem Brunnengebüsch und überquerte den Fahrweg. Vor ihm scheuten die Zugtiere, die Wagen kippten um, und die kostbaren Bildreliefs zerschellten auf der harten Landstraße. Der Meister stand wie zerschlagen und soll wie ein kleines Kind vor den Scherben seines Lebenswerks geweint haben. Aber dann lud er die Trümmer wieder auf, fuhr nach Alflen zurück und schuf das Zerbrochene in jahrelanger Arbeit völlig neu. Man erzählt heute noch in den umliegenden Dörfern, dies Unglück habe dem Meister sein erspartes beträchtliches Vermögen gekostet.
Von der  Bevölkerung des kleinen Eifeldörfchens Driesch kaum beachtet, haben berühmte Kunstkenner aus aller Welt in der Dorfkirche  ergriffen vor dem unsterblichen Meisterwerk des Eifeler Bauernschreiners geweilt, von denen dann einer in guter Stunde das schöne Wort prägte : “Der erhabene Geist der Kunst weht gleich dem Geiste Gottes wann und wo er will!”
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Diese fiktive Erzählung der Heimatliteratur nahm der Kunsthistoriker und Denkmalpfleger Ernst Wackenroder als Quelle für seine Arbeit über den Altar der  Kirche Mater Dolorosa in Driesch. “Die Kunstdenkmäler von Rheinland-Pfalz, Landkreis Cochem, Bd 2, Seite 235”. Siehe dazu den Artikel zur genealogischen Erforschung des “Bartholomaeus Hammes
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