An der Endert - Familienforschung im Kreis Cochem-Zell

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Die heiligen Steine an der Rausch
Eine Geschichte aus dem Tal der wilden Endert
Von all meinen Eifelbergen sind mir keine so vertraut wie die Endertsberge und keine Täler lieber als das Tal, in dem die wilde Endert rauscht. Sie sammelt ihre Wasser in hundert Quellen und Quellchen weit oben im Hochpochtener Waldgebiet am Hochkastelberg und Höchst und führt sie in raschem Lauf der Mosel zu. Wo sie ihre kühnsten Jungmädchenhopser tut, daß es weithin schäumt, spritzt und rauscht und sechs Klafter in die Tiefe stürzt, da haben die Leute diesen Wasserfall einfach die "Rausch" genannt. Just hier an dieser Stelle schibbelt auch noch das Marterbächlein sein Wasser in die Endert hinein, und so könnte man meinen, das doppelte, gewaltige Rauschen sei ein natürliches Lied der Gottesmutter zum Preis, die einen guten Steinwurf aufwärts in der Schlucht des Marterbaches seit anderthalb Jahrtausend verehrt wird. In frühchristlicher Zeit sind hier an der heidnischen Opferstätte römische Soldaten für ihren Christenglauben in den Tod gegangen; die Tatsache ihres Martyriums hält die volkstümliche Distriktbezeichnung "Martertal" bis heute fest.
Alle Träume und Sehnsüchte meiner Jugend treffen hier irgendwie zusammen; das Enderttal birgt meiner Eifelheimat ureigenstes Wesen und tiefsten Sinn. Wenn du in seinen Bergen weiltest, dann würdest du erkennen, wie die Leute dazu kämen, es ihrem Heimatflüßchen, dem Jungfräulein an Kühnheit gleichtun zu wollen, indem sie über die "Rausch" eine Holzbrücke bauten, nicht drüber und nicht drunter, sondern gerade darüber. Und der Schmuldges Bert aus Landkern baute sich eine Mühle unten dran und hieß seitdem der Rauschmüller. Das war vor mehr als hundert Jahren. Heute siehst du von der Mühle nur mehr bemoostes Gemäuer. Ihre denkwürdige Geschichte will ich dir erzählen; es ist rasch geschehen.
Der Rauschmüller baute, wie gesagt, seine Mühle unten an den Wasserfall, da, wo das Marterbächlein in die Endert läuft, in den Winkel. Das laute Rauschen tat seiner Frau anfangs arg weh in den Ohren und ihm auch. Aber sie waren jung, hatten Geld und leiteten einen Teil des Endertwassers vor dem Wasserfall ab, um damit ihre Mühle zu treiben und zugleich dem Rauschen ein wenig Abbruch zu tun; erst meinten sie, es rausche auch etwas gedämpfter, aber das war eine Täuschung. Doch man gewöhnt sich an alles, auch an das Rauschen eines Wasserfalles und. das Klappern einer Mühle. Und die Rauschmühle sollte ordentlich klappern. Warum war man denn jung, hatte Geld, und mir nichts dir nichts zieht doch keiner aus der Dorfgemeinschaft so allein in ein einsames Tal. Nicht nur die Endert, auch das Marterbächlein hatte Wasser, ein Mühlrad zu treiben, und so waren fast ständig zwei Räder im Gang: eins für Mehl und eins für Öl; und in den vielen Dörfern rundum gab es Kundschaft genug.
Zwanzig, fünfundzwanzig Jahre ernährte das Mahlgeschäft seinen Mann. Müller und Müllerin waren gesund geblieben, längst hätte man sich an das Klappern und Rauschen gewöhnt. Die Kinder, das älteste ein Mädchen, das jüngere ein Junge, waren groß und stark, und die schlimme Zeit Napoleons war glücklich vorüber. Da war zum Bauen und Hochzeitmachen wieder Zeit.
Bauen wollte der Rauschmüller, die Mühle umbauen, alles gut einzäunen und seine zwei Kinder gut verheiraten. - Steine gab es genug in den Felsen rundum, aber das Brechen ging langsam und mühselig. Doch da wußte der Mühlenbauer aus Ulmen, von dem manche Leute sagten, er sei ein weitgereister und freigesinnter Mann, einen Rat: Da ein wenig herauf im Martertal stehe doch das Kirchlein, durch dessen Dach ja man schon längst Wolken und Sterne sehe, und daneben die Klause, deren letzter Hüter, Bruder Nikolaus, schon ein paar Jahre rot und in Eppenberg begraben sei, der komme nicht wieder. Was sollten denn Kirchlein und Klause noch? In Ulmen habe man auch aus den Steinen der alten Burg am Maar neue Häuser gebaut, und Burg oder Kirchlein, das komme auf eins heraus, es sei ein altes, nutzloses Gemäuer. - So und noch mehr redete der Mühlenbauer, und dem Rauschmüller gefiel die Rede.
Es dauerte nicht lange, da war er mit seinem Sohn hellauf im Gang, den Rat zu befolgen. Er baute sich mit den Steinen der Klause und des Chores vom Kirchlein einen neuen, größeren Mahlraum, legte einen schönen Garten an und umzog ihn mit einem Zaun, wenngleich doch nur ein Häslein oder ein Reh hier hätte Schaden machen können; die Pfosten des Zaunes schnitt er aus dem eichenen Dachgebälk des Kirchleins. In einem halben Jahr stand alles fertig, so Anfang der zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Die Leute in den Dörfern waren ungehalten über die Entweihung ihres alten Muttergottesheiligtums im Martertal, aber jeder hatte mit seinen Sorgen ums Brot genug zu tun, und ehe man dem Tun des Müllers Einhalt gebieten konnte, war schon alles fertig; und wenn einer allzu laut dagegen sprach, bekam er von der Rauschmühle kein Mehl mehr und kein Öl.
Aber es sagte doch einer hin und wieder dem Rauschmüller, wenn er im Dorf Korn lud: "Rauschmüller, das hättest du nicht tun sollen, an heiligen Steinen vergreift man sich nicht!" Und dem Müller war es auch einmal, als er im Herbst spät abends über die Holzbrücke der Rausch heimfuhr, als rausche ihm das Wasser zu: Rauschmüller, Rauschmüller, du hast einen Rausch gehabt, du hättest es nicht tun sollen,.. ! Doch Torheit! Was sollte das Wasser auf einmal anders rauschen als all die zwanzig, dreißig Jahre hindurch?
Nur der Müllerin ging es nicht gut. Von dem vielen Mehlstaub und dem engen Tal hatte sie mit der Zeit Atemnot bekommen, und in den schlaflosen Nächten ängstigte sie der Sonntagsjäger von Hochpochten, der längst schon verwest war; und verübten nicht die Neunhollen allerhand Spuk im Haus?.
Eines Lichtmeßtages war die Müllerin tot, nicht lange danach, als ihre Tochter den Lennefranz von Auderath geheiratet hatte und aus dem Tal auf den Berg gezogen war. Da mußte eine neue Müllerin ins Haus, und da wurde das Heckenbäb aus Greimersburg, das keine Eltern mehr hatte, des Müllersohns Frau. Aber, ach Gott, das Heckenbäb hielt es auf der einsamen Mühle nicht lange aus. Diese Klappern und Rauschen ! Das Heckenbäb hörte nicht mehr Mittag läuten, wenn es mal wieder nach Greimersburg kam, und tat in der Mühle kein Auge zu. Lieber fort in die weite Welt, als hier in der Einsamkeit sterben So klagte es, und der Müllerssohn, ihr Mann, tat ihr eines Tages den Willen, zog mit ihr fort in die Welt und kam nicht wieder.
"Die heiligen Steine, die heiligen Steine!" sagten die Dorfleute, "der Rauschmüller geht die Endert hinunter!"
Wie hätte der Rauschmüller noch länger in der Endert bleiben können? Er bekam keinen Knecht und keine Magd und auch der Lennefranz von Auderath, sein Schwiegersohn, wollte um keinen Preis an die Endert ziehen. So ging denn der Rauschmüller wirklich die Endert hinunter. In sein Heimatdorf Landkern zurückzukehren, verlitt ihm nicht der Kopf. In Cochem ist er gestorben.
Die Gottesmutter von Martertal erhört noch immer die Bitten der vielen, die zu ihr kommen. Ihr Kirchlein das über hundert Jahre nur mehr als Ruine stand, wurde herrlich wieder aufgebaut und ist eine bedeutende Wallfahrtsstätte der Eifel geworden. - Von der Rauschmühle siehst du nur noch zerfallenes bemoostes Gemäuer.
Der erste Müller hat nach Jahren einen Nachfolger bekommen; der ist aber auch nur ein halbes Menschenalter da geblieben, und so lange ich denke, wird da kein Mehl und kein Öl mehr gemahlen. Von Schmuldges Bert aus Landkern weiß niemand mehr etwas, ich fand seinen Namen in einem alten Kirchenbuch.

Wilhelm Hay  



Auf der Napoleonsbrücke im Martental


Beschwerlich und mühsam ist der Lauf der alten Heerstraße, die von Trier durch die Eifel nach Koblenz führt. Recht müde wird sie, und lange dauert's, bis sie endlich den Rhein grüßen darf. Auf und ab muß sie klettern, über Schluchten springen und auf Höhen sich winden; durch Pässe kriecht sie, und nur im letzten Stück wird es gemütlicher; wenn sie hinter der Elz den Maifeldgau erreicht hat, kann sie breit und behäbig durchs Land ziehen.
Keine Stelle aber macht ihr so viele Beschwerden, nie muß sie sich tiefer und steiler winden, nie muß sie höher und länger kraxeln als drunten im Tal der wilden Endert. Von Lutzerath kommt sie gelaufen, rennt an Büchel vorbei mit weitem Lug ins Land, und gleich fällt sie hinab, steil und jäh, in die unheimliche Schlucht. Dort unten, wo sie sich in gefährlichem Bogen über den Bach wirft, wird sie von einer hohen, mauerbewehrten Brücke getragen. Das ist die Brücke, die der Kaiser Napoleon gebaut hat, als er mit seinem großen Heer nach Rußland zog.  So sagen die Leute, und noch viele andere Dinge wissen sie von dieser Brücke zu erzählen.
Wenn die Knaben aus  Kaisersesch im letzten Schuljahr sitzen und ihnen die Abenteuerlust im Kopfe kribbelt, der Drang nach Heldentaten und großem Erleben, dann schwebt eines Tages im Schulraume ein Wort in der Luft, ein Wort, das nun ihre Knabenträume füllt und ihre Augen glühen läßt. Vielleicht hat auch einer, dem es auf der Zunge brannte, das Wort ausgesprochen: Napoleonsbrücke! Dieses Wort hält sie alle in seinem Bann, und ganz heimlich, wie alle großen Dinge in der Verborgenheit reifen, treffen sie nun die Vorbereitungen zum ersten großen Erlebnis.
Eines Sonntags marschieren sie dahin. Eine riesengroße Butterramme in der Tasche, einen dicken Stock in der Faust, Lieder auf den Lippen; so ziehen sie aus, das Fürchten zu lernen.
Wo die Straße in die Schlucht fällt, da werden sie still. Der Trupp schließt sich eng zusammen; das Herz klopft ihnen lauter; schon fühlen sie, wie weltfern verloren dieses Tal ist. Und wie sie auf der Brücke stehen, rieseln ihnen Schauer der Einsamkeit über den Rücken. Sie lauschen dem unbändig rauschenden Wasser; sie hängen sich über die Brüstung und schauen in die Tiefe, wo unterm Erlengebüsch der Bach tost; sie lassen ihre Augen hinaufklettern über die himmelhohen Hänge, die schier auf sie fallen wollen. Der Schrei großer Vögel erschreckt sie; sie fahren zusammen und glauben, nun käme das Abenteuer. Aber es kommt nicht; darum suchen sie mutig danach; denn hier muß es irgendwo lauern.
Und nun lernen die verwegenen Burschen alle Künste der Wildnis. In diesen tiefsten und unheimlichsten Gründen der Heimat erforschen sie alle Schauer und Geheimnisse. Sie durchstreifen das schaurige Tal und suchen Hexen, Waldteufel und Werwölfe. Unter Brombeergerank spüren sie nach den Trümmern alter Räubernester. Grausige Dinge wissen sie dabei zu erzählen: Vom Hochpochtener Jäger, der in diesen Wäldern und Bergen bis zum jüngsten Tag hinter einem Reh hetzen muß; von den Geistern der römischen Soldaten, die droben im verfallenen Kirchlein gemartert wurden und noch immer umgehen; vom Müller, dessen Schreie aus dem Wasser rauschen, weil er aus den heiligen Steinen des Kirchleins seine Mühle baute, die aber darum verfallen mußte. Vom Kaiser Napoleon erzählen sie und von den Bauern, die im Dreißigjährigen Krieg sich selbst und ihr Vieh in diesen Kaulen und Schluchten versteckten. Von Raub und Überfall, von Zauberern und Zwergen, von Mord und Geistern handeln ihre Geschichten. Sie hocken wie Gnomen in einer finsteren Höhle, von deren Decke es unsichtbar auf den Boden tropft, als tippe ein Geisterfinger an der Wand. Das ist dieselbe Höhle, vor der in Vollmondnächten Männer, die blutigen Köpfe unterm Arm, im furchtbaren Höllentanz springen. Dort ist der Spalt, aus der des Nachts die Irrlichter auf die Brücke schwirren und späten Fuhrwerken um die Räder streifen.
Gleich den Neunhollen hüpfen die Knaben über Wurzel und Stein; sie tollen kreuz und quer und suchen und locken die Geister. Doch das Abenteuer stellt sich nicht ein, wie sehr sie's auch ersehnen. Und auf einmal packt sie die Enttäuschung. Eine grenzenlose Leere ist nun in ihnen, und sie schauen sich an mit wissenden Augen. Wenn dann die Dunkelheit hereinbricht und sie heimwärts wandern, denken sie: Nun sind wir vergebens ausgezogen; nichts haben wir erlebt, und von dem herrlichen Traum ist nichts mehr in uns als diese Leere. Vielleicht haben alle Dinge doch ein anderes Gesicht, als uns die Alten erzählen.
So denken sie und wissen nicht, daß ihr Marsch zur Napoleonsbrücke mehr als ein bloßer Sonntagsgang, - daß es der Auszug war aus ihrer Kindheit.
Spät kommen sie heim, doch wenn sie nun sagen, wo sie gewesen sind, vergißt der Vater alles Schelten. Dann wird es lebendig in den Häusern. Da leben wieder alle Geschichten und Sagen auf. Bis in die Nacht hinein gehen in den Bauernstuben die Geister der Brücke und des Tales um. Alle Dinge wollen ihre Stunde haben, um ihr Sein zu beweisen. Da knallt der Hochpochtener Jäger; da schwirren wirklich die Irrlichter um das Rad der Postkutsche; und mitten durch die Stube tanzen wahrhaftig die wackelnden Leiber kopfloser Männer. Wenn der Laden knarrt, zucken sie zusammen, als sähen sie unter der Brücke und der Leibhaftige hocke in der Runde.

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