Das Lehmkauler Heiligenhäuschen - Familienforschung im Kreis Cochem-Zell

Direkt zum Seiteninhalt
     Am Sagenborn der Heimat
Das Lehmkauler Heiligenhäuschen


Aus dem Höhendorfe Büchel (Kreis Cochem) führt am Kirchhof vorbei ein gut gepflegter Weg nach dem Enderttal, eben längs Felder, Lehmkaul und Wiesen bis an den Rand des Tales, dann die Merlekaul hinunter und durch Wald zu der Ostermühle am Bach. Die Lehmkaul ist jetzt ein nutzloser Platz: die Kaul ist verschüttet, paar Tümpel sind noch da, mit Fröschegequak und Binsen; strubbeliges Gesträuch und Wasen rundum, eine Geiß oder ein Schaf mag noch spärliche Nahrung da finden. Früher wurden hier Lehmkuchen geformt; im Dorf selbst sind nur mehr Steinhäuser.
Hinter der Lehmkaul und auf der anderen Seite des Weges breiten sich Wiesenflächen, von Schlehdornhecken umzäunt und vereinzelten Heckenreihen lauschig durchbrochen; "in der Percht" nennen es die Leute, wohl weil früher das Vieh hier zur Weide eingepfercht wurde. Da wo der Weg in scharfer Kehr nach links biegt, geht rechts ein uralter Hohlpfad nach Morschweiler ab; die römischen Siedler schon kannten diesen Pfad, die Köhler aus dem Weiler gingen hier hinüber in den Wald. In der Ecke zwischen Hohlpfad und Weg steht auf einem Hügel ein Heiligenhäuschen, halb versteckt in einem Wildrosenbusch, hinter dem Gitter in der Nische ein Muttergottesbild.
Im Winter ist es hier schweigsam und kalt. Scheint aber die Frühlingssonne, dann regt es sich geheimnisvoll in den Hecken. Bald liegt der Weg wie eine breit-weiße Schleife zwischen grünenden Äckern, die gelbflimmernde Pracht einer Rapssaat am Rande, blumigen Wiesen und grünem Gesträuch. Die Hecken des Schlehdorns füllen sich mit Blüten, weißes Geflöck rings um die Wiesen und mitten zwischendurch, als habe es Blüten geschneit, der Maienkönigin zu Ehren. Ruhig und still bleibt es immer, Sommer und Herbst in andachtsvoller Feierlichkeit. Schon der Kirchhof hinter dem Dorf am Wege verscheucht die rastlosen Gedanken an Alltag und Scholle, nur vereinzelt schallt der Ruf eines Pflügers vom Felde herüber. Der Busch umrankt mit seinen Dornen das Heiligenhäuschen, vor Frevlerhänden es gleichsam zu schützen, und Rosen winden sich um das alte Gemäuer.
Das Lehmkauler Heiligenhäuschen hat eine eigenartige Geschichte. Vor vielen Jahren lebte drunten auf der Ostermühle im Enderttal der Müller Oswald. Er war Witmann und hatte zwei Söhne. Der älteste hieß Friedrich, war fleißig und still, und die Leute im Dorf und Weiler sahen ihn gern mit der Mehlkarre kommen. Der jüngste war klein und hatte einen Buckel, in der Mühle konnte er nicht viel schaffen; seit dem Tode der Mutter tat er die Arbeit der Hausfrau. Aber es fehlte doch die Frauenhand dem Hause, und der alte Müller Oswald wartete schon lange darauf, daß der Friedrich eine Schnörch (Schwiegertochter) nach der Mühle bringe; von dem Jüngsten konnte er sich nach dieser Seite hin ja nicht viel versprechen.
Als aber der Friedrich die Dreißig überschritten hatte und noch immer nichts von Heiraten verlauten ließ, kam eines Abend der Müller seinerseits auf diese Sache zu sprechen. Der Sohn ließ den Vater ruhig ausreden und gab dann, zur Antwort: "Ja, Vatter, ech weiß, dat Ihr et net jer seht, aber wenn ich heirote, da heiroten ech dat Bötschels Mareiwelb (Maria Walburga) von Morschwel,"
Da gab es einen bösen Lärm in der Stube, und der kleine Bucklige lief hinzu, den Alten zu besänftigen, Der saß nachher allein auf der Bank, stierte vor sich hin und sprach mit sich selber: "Nau waren ech on da Neckelsbauer su lang got Freund, ä hot nur dä Jung on dat Mädche - on dat Stein (Christine) es ä düchtig Mädche... da hätten mer können noch ein Olligsmül anbaue... Nau well dä Kerl äsu ä Dear sech hole; Leut, de kein Fur Land on kein Klau Veh em Stall hon, On ber es sei Vatter?   - "Nein !" rief er aufspringend, " äsu ä Fraumensch kit mir net ent Haus!"
Der Friedrich wußte wohl, daß der Vater von jeher ihm das reiche Neckels Stein zugedacht hatte. Aber dieses Mädchen konnte ihm nimmer gefallen; wenn er ins Dorf kam, rief es ihm schon von weitem zu, und es hatte so eine kreischende Stimme. Da war das Bötschels Mareiwelb doch ganz anders. Es war einige Jahre jünger als der Friedrich und wohnte mit der Mutter im letzten Hüttchen von Morschweiler, da wo der Fahrweg in den Hohlpfad ausläuft. Die Frau war von irgendwo zugezogen, als das Mareiwelb gerade der Mutter zum Garnwickeln die Ärmchen halten konnte. Ihren- Mann sah man jahrelang nicht im Weiler; die Leute sagten, er habe lange Finger und liebe den Branntwein über Gebühr. Sie selbst aber galt allenthalben als arbeitsam und bescheiden, sie wusch und strickte für die Dorfbewohner oder arbeitete im Tagelohn auf dem Felde. Ihre Tochter hatte sie zur Ehrbarkeit und Gottesfurcht erzogen und hielt sie recht zum Schaffen an. So war das Mareiwelb zu einem gesunden und hübschen Mädchen herangewachsen, dabei sittsam und gefällig und paßte zu Friedrichs stillem Wesen. Es sah den Müllerssohn sehr gern, aber er hatte ihm gleich gesagt, er solle sich ein anderes freien, denn für den reichen Vater könne es nie die rechte Schwiegertochter sein. Das wußte der Friedrich auch, und er kannte die Gesinnung seines Vaters, die hart war wie der Mühlstein, der das Korn zermalmte. Aber auch er war diesmal nachzugeben nicht gewillt.
Da geschah es, daß der Müller Oswald sein altes Halsleiden wieder kriegte und zum Sterben kam. Vier Tage rang der Tod mit ihm; er litt entsetzliche Not. Immer wieder forderte er von seinem Ältesten, er solle ihm versprechen, das Mareiwelb nicht zu heiraten, sonst sei sein letztes Wort ein Fluch. Der Friedrich fühlte, daß damit sein Leben in Stücke ging, und er zögerte lang. In der Nacht aber stöhnte der Alte und quälte sich um Atem; der Sturm stieß ins Tal, daß es krachte und polterte im Mahlraum und auf dem Speicher, als sei ein böser Geist im Hause; eine Elster schrie im Horst..., da faßte der Friedrich des Vaters Hand und tat ihm den letzten Willen. Am Morgen war der Müller tot. - Für den Friedrich kam nun eine schlimme Zeit. Mußte er das Versprechen halten? Dann war das Leben wie eine Woche ohne Sonntag. Oft glaubte er, die Berge würden ihn erdrücken in dem engen Tal. Kam er auf die Höhe, dann fiel die Beklemmung, seine Seele weitete sich, das erträumte Glück zu umfangen. Er hatte doch nur in Mitleid und Angst das Versprechen gegeben. Das konnte nicht verpflichten... Aber des Vaters Segen fehlte dann dein Bunde.
Dem Mareiwelb hatte er noch nichts von seinem Versprechen erzählt. Da hielt er an einem lauwarmen Frühlingsabend noch spät in Morschweiler. Als er fertig war mit dem Aufladen der Kornsäcke, zog das Pferd die Karre über einen Feldweg dem Tal zu, es war gewohnt, in der Merlekaul zu warten. Der Friedrich ging indessen an dem letzten Hüttchen vorbei und den Hohlweg hinauf, das Mareiwelb begleitete ihn ein Stückchen. Es fiel ihm schwer, aber heute abend mußte er dem Mädchen von der letzten Stunde seines Vaters erzählen. So kamen sie an den Lehmkauler Weg. Da blieb das Mareiwelb stehen und schaute sinnend vor sich hin. Der Friedrich meinte, ein solches Versprechen würde nicht binden; nein, und jetzt sollten sie überhaupt nicht weiter daran denken! Das Mareiwelb antwortete nicht, es war zwischen Hohlpfad und Weg auf den Hügel getreten und kniete im Grase. Ringsum war weites Schweigen; der Friedrich hörte sein Mädchen flüsternd beten. Der Mond stand voll am Himmel, hinter dem Weiler im Busch schluchzte eine Nachtigall. Das Mareiwelb erhob sich und sagte: nein, Versprochenes müsse man halten, eine solche Ehe könne kein Glück bringen... Darauf gingen sie auseinander.
Zwei Tage später sagte der Friedrich zu seinem Bruder, er werde fortgehen aus dem Tal und der Gegend, er habe starke Arme und werde schon Arbeit finden; Haus und Vermögen überlasse er ihm, dem Jüngsten. Des andern Morgens in der Frühe verließ er die Mühle.
Im Sommer desselben Jahres zogen die Bötschels Frau und ihre Tochter aus Morschweiler fort und waren verschollen. Die Ostermühle kaufte ein Mann aus Masburg; der Bukelige behielt eine Kammer für sich und starb da nach einem Jahrzehnt. Aus dem Dorfe hatte der Neckelsbauer inzwischen seine Tochter Stein einem entfernten Verwandten im Nachbarort verheiratet.
Etwa dreißig Jahre ist der Friedrich von der Heimat fortgewesen. Wo er war und wie er gelebt, hat niemand erfahren. Da erschien eines Tages, als die ersten Hakengänse nordwärts über die Eifelberge zogen, beim Schulzen von Büchel ein alternder Mann mit braunem Gesicht und langem Bart und frug, ob er oben an der Lehmkaul sich eine Hütte bauen dürfe, er habe Geld und werde der Gemeinde nicht. zur Last fallen. Es wurde ihm gewährt.
Schon in den nächsten Tagen begann er Lehmkuchen zu machen; zwei Burschen aus dem Weiler schafften Holz und Ginster für das Dach herbei und halfen ihm, das Haus zu bauen; er gab ihnen einen guten Lohn. Drei Wochen lang drehte sich bei Tisch und in der Dämmerstunde um diesen sonderbaren Fremden das Gespräch. Und schon vermuteten ein paar Frauen in Morschweiler, wenn der Mann den Bart nicht hätte, dann wäre es der Friedrich von der Ostermühle, der damals so plötzlich verschwunden war des Bötschels Mädchens wegen. Richtig, er hatte ja beim Schulzen sich nach den Bötchels erkundigt.
Der Alte kam nur ins Dorf, um Brot zu kaufen, er machte stets ein nachdenkliches Gesicht und sprach nicht viel. Oft half er den Leuten, die Lehmkuchen formten, oder er saß vor seiner Hütte und schnitzte an einem Holzklotz herum. Noch als die SchIehen reiften, war er eifrig an der Arbeit und achtete dabei das rauhe Wetter geringer als es seiner schwachen Brust zukam. Zwar war der Winter dieses Mal gelinde, aber die Atemnot machte dem Einsiedler an der Lehmkaul doch arg zu schaffen.
Im Frühling wurde es besser. Nun hatte er wieder ein Jahr in der Heimat verbracht. Bald kam der Mai und streute seinen Blütenschnee über die Hecken der Wiesen in der Percht. Da war das Schnitzwerk fertig; der Alte begann wieder Lehmkuchen zu machen, und eines Abends, als sie trocken waren, trug er sie ein paar Schritte hinüber an den Weg, wo der Hohlpfad nach dem Weiler abgeht; dann fing er an, sie aufeinander zu schichten.
Ringsumher lag alles still, der Mond leuchtete mit vollem Licht bei der Arbeit. Als am Morgen die Dorfbewohner da hinüber nach den Feldern gingen, stand in der Ecke zwischen Weg und Hohlpfad ein Heiligenhäuschen, das stumpfe Dach mit Ginster lang gedeckt, in der Nische ein Marienbild; wie ein Denkstein auf dem kleinen Hügel. Die Leute staunten, und alt und jung kam herbei, es anzusehen. Die Frauen von Morschweiler meinten gleich: "Dat hot dä frime (fremde) Man gemach... On guckt mol elo! Jeleicht de Maria net jeroad on lefdietig (leibhaftig) dem Bötschels Mädche, dat fröher ze Morschwel war? ... Bo mag dä Mensch nur all die Jahr jewäst sein, dat dä su ebbes mache kann?" Nun wußten alle, daß der fremde Mann der Friedrich von der Ostermühle war. Ein Bild der Marienkönigin hatte er schnitzen wollen, zu der er einst hier sein Mädchen hatte beten hören. Und er hatte der Maria ein Kind auf den Arm geschnitzt, so wie das Bild des Mareiwelb lange schon vor seiner Seele stand.
Das Staunen der Leute wurde zur Ehrfurcht vor dem Werk und vor dem Mann, der es geschaffen. Und wenn bei Sonnenuntergang ein Ackersmann neben den Ochsen hergemach und müde aus der Merlekaul nach Hause schritt und, um die Kehre biegend, den Greis da vor dem Bilde auf dem Rasen knien sah, dann betete er ein Weilchen mit. Der Sommer ging. Es kam ein früher, naßer Herbst, schlimm für Menschen, die arg gepackt sind auf der Brust. Die Tür des Hüttchens an der Lehmkaul blieb einige Tage zu, man schaute nach und fand den alten Friedrich tot. Die Leute meinten: "Dä wär besser fortgebliewen; awer ä hot zo vil verlangert, on als ä daheim war, es ä och von Heimwieh gestorwe."
Dieser Glaube blieb in Weiler und Dorf lebendig, der Alte sei vor Heimweh gestorben; und man gewöhnte sich daran, zu dem Heiligenbild an der Lehmkaul zu wallfahren.
Etliche Jahre waren vergangen, da machten um Allerheiligen zwei Mädchen vom Morschweiler einen Kranz aus Papierblumen, damit die Gottesmutter auch im Winter geschmückt sei. Am Sonntagabend brannte das Lämpchen noch spät in der Nische, ein Wind trieb die Flammen den Blumen zu nahe, da wurde das Holzbild gesengt und angekohlt, daß es nicht mehr zu erkennen war. Das tat allen Bewohnern sehr leid. Die Schäfgens Großmutter vermutete, das Bötschels Mareiwelb sei jetzt irgendwo in der Welt gestorben, doch hat man davon nie etwas erfahren. Und da anzunehmen war, daß Frost und Kiesel in naher Zeit den Lehmbau auf dem Hüwel überhaupt zerstören würden, so beschloß man, ihn durch ein Steinhäuschen in genau derselben Form zu ersetzen. Es wurde auch ein neues Muttergottesbild beschafft und die Nische mit einem Eisengitter abgeschlossen. Zwar gefiel dies neue Bild nicht so wie das erste, aber die Stelle hatte ihre Weihe.
Bevor ein junges Mädchen aus der Gemeinde draußen in Stadt oder anderer Gegend einen Dienst antrat, ging es am Lichtmeßtag noch einmal mit der Mutter droben an das Heiligenhäuschen, damit es aushalte und bei den fremden Menschen nicht allzusehr an Heimweh leide. Selbst der kühnste Bursche, der zu den Soldaten angeschrieben war, machte zwischen Dämmerung und Nacht heimlich einen Gang nach der Lehmkaul, den Ziehungsstrauß dort an der Mauernische aufzuhängen, auf daß er das harte Leben bis zum ersten Urlaub gut ertrage. Und in Kriegszeiten zog allabendlich eine große Schar aus dem Dorf am Kirchhof vorbei, traf sich an der Kehr mit frommen Betern aus dem Weiler und von den Mühlen im Enderttal, und vereintes Flehen drang zu der Jungfrau-Königin, die kämpfenden Söhne möchten nicht heimverlangen vor der Zeit, und wenn der Streit entschieden, doch alle wiederkehren.
Das verstümmelte Schnitzwerk des alten Friedrich ist auf irgend einem Speicher verlorengegangen; auch die Lehmhütte, in der er einsam gewohnt hat, steht längst nicht mehr.

Zurück zum Seiteninhalt