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Wer schuf den Bitterleidensaltar in Driesch?

Ursula Buchholz – Bergheim / Erft

In allen vorliegenden Publikationen über den Hauptaltar in der Wallfahrtskirche Mater Dolorosa in Driesch wird der Schreiner Bartholomaeus Hammes aus dem Nachbarort Alflen als Schöpfer des Altares genannt. Bei der Entstehungszeit schwanken die Angaben zwischen 1705 und 1672 „vermutlich  aber älter“. Nachdem nun die Tauf- Heirats- und Sterberegister der Pfarrei Alflen zu einem Ortsfamilienbuch zusammengestellt wurden, liegt es nahe, den Schreiner Bartholomaeus Hammes zu identifizieren.

Greifbar und zu messen ist der Schöpfer des Altares bislang nur an diesem Werk, die einzige von ihm bekannte Arbeit. Sie verbindet spätgotische Motive mit Elementen des süddeutschen Barock und zeigt  Ähnlichkeit zum Altar in der Peterskapelle in Neef. Er erinnert aber auch an die Werke Jörg Zürns im Bodenseeraum.

Glücklicherweise haben fleißige Chronisten im 17. und 18. Jahrhundert die Geschehnisse in Driesch festgehalten, so daß wir heute darauf zurückgreifen und in etwa die Fakten zusammentragen können.

Johann Sander , einem gebürtigen Driescher, war 1681 die Rektoratsstelle übertragen worden. Als Kellner des hochadeligen Stiftes Marienberg bei Boppard hielt er dort seinen Wohnsitz bei und ließ sich in Driesch von Prorektoren vertreten, ab 1687 von seinem Vetter Matthias Binz, der von 1691-1717 dann die Rektoratsstelle übernahm.

In einer kurzen Notiz erwähnt Matthias Binz den Hochaltar der Kirche, der angeblich 1662 in Alflen entstanden ist. „Das hoe Crutz ist gestanden erstlich also der hohr Altar ist, welcher 1662 gemacht ist worden zu Alflen. Selbiges Creutz hat machen lassen des Wohlehrwürdigen H. Sanderi Vatter, namens Matthias Sander, meines Vatters Bruder.“

Er schildert auch das durch Blitzeinschlag verursachte Brandunglück im August 1687, bei dem die Kirche bis auf die Grundmauern abbrannte. Somit kann der heutige Bitterleidensaltar nicht mehr jener Altar sein, der 1662 in Alflen geschnitzt worden sein soll.

Johann Gerhards, Rektor der Kirche von 1745 bis 1793  legte ein Fundationsbuch an,  das von seinen Nachfolgern weitergeführt wurde und heute in der Stadtbibliothek Trier aufbewahrt wird.   Hier sind alle der Kirche gehörenden Schriften und Dokumente aufgelistet und wichtige Vorkommnisse in Driesch festgehalten. Der durch reiche Stiftungen des Rektors Sander ermöglichte Wiederaufbau nach dem Brand ist in dem Fundationsbuch festgehalten, der Altar jedoch wird kaum erwähnt.

1886 nimmt Paul Lehfeldt die Driescher Kirche in seine Sammlung der Bau- und Kunstdenkmäler der Rheinprovinz auf und beschreibt den Altar sehr detailliert. Michael Hartz, Pfarrer in Lutzerath von 1895-1903, übernimmt den Text wortgetreu in die Pfarr- Chronik Driesch, heute kann man ihn in einem vom Pfarramt Lutzerath herausgegebenen kleinen Kirchenführer nachlesen. Lehfeldt erwähnt ebenfalls keinen Namen des Bildschnitzers.

In den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts studierte Johann Müller, Lehrer in Büchel, sehr intensiv die vorliegenden Akten zur Driescher Kirche. Er transkribiert Teile des umfangreichen Fundationsbuches und veröffentlicht seine Arbeit. Auch hier ist nicht der geringste Hinweis auf die Identität des Bildschnitzers. Er weist lediglich darauf hin, daß dieses Kunstwerk einer Überlieferung nach im nahen Alflen von einem Schreiner verfertigt worden wäre. Beim Transport von Alflen nach Driesch sei es beschädigt worden, so daß der Künstler das schwierige Werk ein zweites Mal anfertigte und dabei sein ganzes Vermögen verloren habe.

Unter Dechant Alois Breidt, Pfarrer in Lutzerath von 1940-1952,  wurde der Altar 1942 restauriert, er befand sich mittlerweile in einem trostlosen Zustand, wie der Lutzerather Pfarrchronik zu entnehmen ist. Dazu schreibt Dechant Breidt :

„Woher stammt dieser Altar? Dieser Frage bin ich lange Zeit nachgegangen, ohne zu einem Ergebnis zu kommen. Fest steht folgendes: 1690 war er noch nicht in der Kirche, 1705 wird er zum erstenmal genannt.... Tatsächlich ist an dem Altar eine derbe, harte Künstlerhand unverkennbar, ebenso aber auch eine geübte, feine Künstlerhand; das war das Urteil von Dr. Weyres, jetzt Dombaumeister in Köln. .... Meines Erachtens ist der Altar ein Geschenk des Trierer Churfürsten, der sich nach dem Brand und der Plünderung der Kirche 1687 und 1689 für die Instandsetzung einsetzte.“

Soweit Alois Breidt 1942 in der Pfarrchronik Lutzerath, leider nennt er nicht die genaue Quelle, in der 1705 vom Altar die Rede ist.

1953 taucht dann zum ersten Mal der Name „Bartholomaeus Hammes“  als Schöpfer des Altares auf, und zwar in einer Sammlung von Sagen und Legenden, herausgegeben von Robert Krämer, damals  Lehrer an der Schule in Alflen und Mitherausgeber der Legendensammlung „Am Sagenborn der Heimat“.  Ernst  Wackenroder zitiert 1959  die Arbeit von Krämer, ohne zu berücksichtigen, daß es sich hier um eine durch Fiktion angereicherte Legende handelt. So findet „Bartholomaeus Hammes“ zusammen mit seinem Lehrherrn Birkhart Eingang in die Fachliteratur der Kunstgeschichte und wird seither in jeder Veröffentlichung zum Altar in Driesch genannt.

Wer aber war nun könnte den Altar in Driesch geschaffen haben?

Jede Legende hat ein kleines Körnchen Wahrheit. Wer könnte es gewesen sein?

 Zur Beantwortung dieser Frage können die Kirchenbücher der Pfarrei Alflen und die Steuerlisten Alflen herangezogen werden. Die Taufbücher Alflen beginnen 1686. Es ist ein glücklicher Umstand, daß der matrikelführende Pfarrer in dieser Zeit bei den Taufpaten detaillierte Verwandtschafts-bezeichnungen angegeben hat, so daß die Bevölkerungsstruktur noch einmal fast 2 Generationen zurück belegt werden kann. Unterstützt wird diese Forschung durch die gut erhaltenen Steuerlisten im Stadtarchiv Trier, die ebenfalls die Haushalte des gesamten Dorfes auflisten.

Bei einer genauen Analyse der Gesamtbevölkerung von Alflen muß festgestellt werden, daß nie ein Bartholomaeus Hammes erwähnt wird, weder in den Kirchenbüchern noch in den Steuerlisten oder Volkszählungslisten. Es war eine Tradition der Namensgebung, daß ein Sohn der Familie immer den Vornamen des Großvaters erhielt, und bei allen Namensträgern Hammes wird nicht ein einziges Mal in 200 Jahren ein Bartholomaeus genannt. Es ist jedoch erwähnenswert, daß es eine Familie Hammes in Alflen gibt, die von 1750 bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts in ununterbrochener Folge das Schreinerhandwerk ausübte. 1810 schuf Johann Jakob  Hammes  aus Alflen sogar einen Altar für die Ulmener Pfarrkirche, der zwar letzten Endes nicht das Wohlgefallen der Ulmener gefunden hat, wie die Kirchenbücher Ulmen vermelden, aber womöglich dazu beitrug, daß man den Erbauer des Driescher Altares als Mitglied der Familie Hammes nannte.

Zur Zeit der möglichen Entstehung des Altares, zwischen 1670 und 1697 lebte jedoch ein Bartholomaeus Nader in Alflen, in den Steuerlisten von 1684 – 1687 und in den Kirchenbüchern bei den Taufen seiner Kinder als „Meister Barthel der Meuher “ genannt.

Er war also wohl Maurer von Beruf. Durch den Meistertitel wird er über die allgemeine Bevölkerung herausgehoben, Taufpate seines Sohnes Franz Friedrich ist der Dorflehrer Franz Friedrich Schneider, ein weiterer Hinweis auf die Reputation des Meisters.

Den Familiennamen Nader gibt es nicht in den älteren Steuerlisten, auch ist es kein typischer Eifeler Namen. Es kann also davon ausgegangen werden, daß Bartholomaeus Nader zwischen 1654 und 1684 nach Alflen zugezogen ist. Eine Durchsicht genealogischer Datenbanken zeigt eine Häufigkeit des Familiennamens Nader im süddeutschen Raum, vor allen Dingen im Schwäbischen und im Raum Freising bei München.

Nach Wertung der vorliegenden Fakten kommt man zu der Frage, ob Bartholomaeus Nader als wandernder Handwerker aus Süddeutschland in die Eifel gekommen ist. War er bei jenem „Bildschnitzler Caßpar Sartor“ beschäftigt, der bereits 1654 in der Steuerliste Alflen genannt wird und der vielleicht den von Matthias Binz genannten Altar von 1666 schuf? Oder war er in der Hoffmann-Schule in Trier tätig und kam über Trier nach Alflen? Hat Bartholomaeus Nader als Steinmetz diesen Holzaltar geschnitzt, was vielleicht die Aussagen der Kunsthistoriker stützen würde, daß der Altar eine derbe, grobe Künstlerhand verrät?

Im Leben unserer Vorfahren galt der Vorname noch mehr als der Familienname. Es ist zu vermuten, daß Meister Barthel ohne Familienname im Gedächtnis der Dorfbevölkerung in Erinnerung blieb. Und da die Alflener Familie Hammes die Schreiner des Dorfes waren, reihte Krämer den Meister Barthel zusammen mit dem fiktiven Vater Florian bei der Familie Hammes ein. Bartholomaeus Nader hatte keine männlichen Enkel mehr, so daß der Familienname auch nach 50 Jahren in Alflen schon ausgestorben war und in Vergessenheit geriet. Sein Sohn Johann heiratete in die Müllerfamilie Lehnen in Büchel, die Tochter Catharina heiratete den Wagenmüller Johann Schuh. Aus diesen beiden Familien leben noch heute Nachkommen im Raum Alflen.

Es läßt sich nicht mit Sicherheit sagen, ob Bartholomaeus Nader, Meister Barthel der Meuher, der unbekannte Schöpfer des Bitterleidensaltares in der Wallfahrtskirche Driesch war. Aber wenn die mündliche Überlieferung der Alflener Bevölkerung zutrifft, dann spricht vieles dafür.

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Quellen:

 Friederichs Alfons: Persönlichkeiten des Kreises Cochem-Zell, Kliomedia, Trier 2004, S., 138

   Borsch, Ursula: „Mater Dolorosa“ – Die Wallfahrtskirche von Driesch – Chronik Lutzerath / Driesch Zwei Dörfer schreiben ihre Geschichte, Geigerdruck GmbH, Horb am Neckar, 1997, S. 110

 Schommers, Reinhold: Kreisjahrbuch Cochem-Zoll 1999, S 35, Künstler der Vergangenheit,

 Der Capellen undt Clausen in Driesch Schuldt und Rentenbuch, angelegt von Matthias Binz, Pfarrarchiv  St. Stephan, Lutzerath

 Fundations- und Dokumentenschriften gehörende der Marianischen Kirche  zu Driesch sub Titolo Matris Dolorosa Amts Cochem in der Pastoreyen Lutzerath von mir Johann Gerards zur zeit rectorn der gesagten Kirchen in dieses Buch getreulich fortgesetzt so geschehen Driesch Anno Domini 1760  , Handschrift 273 Seiten, Stadtarchiv Trier, Bestand Hs 2506 / 676

 Lehfeldt , Paul Die Bau- und Kunstdenkmäler des     Regierungsbezirks Koblenz, Düsseldorf 1886

 Kathol. Pfarramt St. Stephanus, Lutzerath: Die Marienkirche zu Driesch Pfarrei Lutzerath

  Müller, Johann, Die Marianische Kapelle zu Driesch, Stadtarchiv Trier, Heft 16, S. 53 ff

 Pfarrchronik Lutzerath, Pfarrarchiv Katholisches Pfarramt St. Stephan, Lutzerath

 Kreislehrerschaft des Landkreises Cochem „Am Sagenborn der Heimat“,  Verlag Peter Sesterhenn, Kaisersesch, 1956

 Wackenroder, Ernst.: Die Kunstdenkmäler des Landkreises Cochem, Deutscher Kunstverlag,1959

 Dehio Georg: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler Rheinland-Pfalz Saarland, Deutscher Kunstverlag   München 1984

 Kirchenbuch Ulmen No. 5. , St. Matthias Ulmen, S. 344, Bistumsarchiv Trier, Bestand 72,865

 Steuerliste Alflen von 1684 und 1687, Stadtarchiv Trier, Bestand L 10/8

 Kirchenbuch St. Johannes der Täufer Alflen I/31 und 42, Bistumsarchiv Trier

 http://www.familysearch.org/