Der Gerhardsrother oder Zerroder Hof in Hochpochten


Der Gerhardsrother Hof, auch Zerroder Hof genannt, auf dem meine Vorfahren Johann Theodor Alflen und seine Ehefrau Catharina Werner im 18. Jahrhundert lebten, lag im Wald Hochpochten, nach der topographischen Karte Kaisersesch Nr. 5708 genau zu lokalisieren, nämlich r 25 75 100; h 55 65 020 im heutigen Staatsforst Kaisersesch, Jagen 61, nicht weit von der Hochstraße entfernt, die quer durch den Wald Hochpochten verläuft. 

Der Wald Hochpochten, gelegen an den Grenzen der Gemeinden Ulmen und Müllenbach (Kreis Cochem), wurde in der Zeit des Alten Reichen durchschnitten von den Grenzen des Ober- und Niedererzstiftes Trier und hatte nach Westen eine Grenze zum Kurfürstentum Köln. Ulmen gehörte noch zum Eifeldekanat des Erzbistums Köln. Grund und Boden  war reichsritterschaftlich und im Besitz einer adeligen Erbengemeinschaft, der Polcher Märker. In den Urkunden des 13. und 14. Jahrhunderts werden als Mitglieder der Polcher Märker u.a. genannt Heinrich Herr zu Kobern, Weppeling Georg von Polch, Johann v.d. Leyen, Heinrich von Klotten, Richard und Johann Boos von Waldeck und dann die Burgmannen des Grafen von Virneburg in Monreal, Nikolaus und Heinrich von Polch und deren Bruder, der Canonicus Sifrid und die auf der Burg von Ulmen lebenden Angehörigen dieser Familie, Gobel und Lentzgis von Polch. 1)

Im 16. Jahrhundert finden wir u. a. die Familien v. Braunsberg, v.d. Leyen, Graf von Manderscheidt, v. Metzenhausen, v. Monreal, v. Ulmen, v. Walpott Herr zu Olbrück und Königsfeld, v. Walpott Herr zu Bassenheim, v. Wiltberg Herr zu Arendal-Emont als Angehörige des Polcher Dingtages, oberster Märker war der Erzbischof von Trier.

Schon zur Römerzeit war der Wald besiedelt, Grabungsfunde bestätigten die Existenz einer römischen Villa und Quellen sprechen von dem sog. Nachtrabenschloß der Freiherren von Wiltberg, das wohl einst auf den Fundamenten dieser römischen Villa errichtet wurde, von dem aber vor 300 Jahren schon nicht mehr viel vorhanden war. Unsere Kenntnisse zur Geschichte der Bewirtschaftung des Waldes stützen sich hauptsächlich auf die Dingtagsprotokolle der Polcher Märker, die von Forstinspektor Wiedemann vor 30 Jahren ausgewertet und untersucht wurden. 2)

Um 1700 herum erlauben die Polcher Erben die Ansiedelung von Höfen in Hochpochten  und einer Mühle an der Endert. Die Bewohner der Höfe und Mühlen kommen aus den umliegenden Dörfern, ihre Namen und Lebensdaten sind uns ziemlich genau durch die ebenfalls um 1700 einsetzenden Kirchenbücher erhalten. In den Dingtagsprotokollen hören wir von der Ansiedelung des Fischerhofes, Köhlerhofes, Hunoldhofes, Faberhofes und der Fischermühle, als Neugründung unerwähnt bleibt der Gerhardsrother Hof.3)  Die Höfe galten bislang als erste Neubesiedelung des Hochpochtener Waldes seit der Römerzeit, von dem Nachtrabenschloß abgesehen.

Nun gibt es in den Kirchenakten und sonstigen Quellen der Pfarrei Masburg den Hinweis auf einen Roder Hof, den es zu suchen galt. Dabei fält besonders auf, dass weder in den Masburger Kirchenbüchern noch unter den namentlich bekannten Wüstungen ein Roder Hof genannt wird. 4)

Am 26. September 1331 hatte der Edelknecht Hermann von Bachheim Güter und Renten zu Illerich, Rode – Masburg, Hoyngen [nach Fabricius der Heunenhof bei Bermel] dem Kurfürsten von Trier zu Lehen aufgetragen 5).  Dieses Lehen wird wiederholt am 16. Januar 1339 durch den Ritter Dietrich von Rynberg, seine Frau Gertrud und deren Bruder Hermann von Bachem: Güter zu Ylriche,Rode, Masbrecht und Hoyngen 6)
Am 11.12.1357 belehnt Pfalzgraf Rupricht I. den Ritter Konrad von Brüle den jüngeren, Syfrids Sohn, mit dem Haus Kaltenbrunnen, Rode und Mollenbach, dem Gut im Gericht Masprecht und anderen genannten Gütern.  7)
Am 29. Mai 1359 erklärte dann Dietrich Haust, Herr zu Ulmen auf der Oberburg, dass er vom Grafen Gerhard von Virneburg zu Lehen empfangen habe und dessen Mann sein solle „von dem gerichte zu masprecht, wo wie dat gelegen is, bid alle syme zuhurinne. Neben dem Masburger Hochgericht gab es im Masburger Kirchspiel einige Hofgedinge, deren Befugnisse rein grundherrlicher Natur waren. In einem Aktenstück des 16. Jahrhundert sind davon drei aufgezählt:

1. zu Hauroth
2. Item noch ein hoifsgeding, wirt der Roider hof genant, bi Moillenpach gelegen, gehoirt    dem von Bruynsberg [Braunsberg] zu.
3. der Urmersbacher Hof, dem Haus von Ulmen gehörend
8)

Die Herren von Braunsberg, denen nun offensichtlich dieser Roider Hof gehört, statten am 23.01.1658 durch Caspar von Bourscheid  die Vikarie St. Anna in Adenau mit Gütern und Gefällen im Werte von 900 Talern in Masburg, Retterath, Salcherath und Wiesemscheid aus. Am 14. Mai des Jahres 1652 wird das o.g. Weistum schriftlich verfasst, wahrscheinlich haben die Braunsberger  bereits zu diesem Zeitpunkt den Hof an die Vikarie St. Anna übertragen. Es ist erhalten geblieben und liegt im Original im Pfarrarchiv der Pfarrei St. Johannes d. Täufer, Adenau. Hier findet sich auch der volle Name des Hofes, so dass kein Zweifel mehr bestehen kann, der in alten Quellen genannte Roider Hof ist identisch mit dem Gerhardsrother Hof.

Weistumbt über den im Masburger Kirspel Burhrother Hoft nunmehro zustehend Vicarie S. Anna in Adenau welches anno 1652 den 14ten May ausgesprochen worden durch Clas Schneider gerichtsschäffe zu Masburg seines alters ungefähr 70 jahr in gegenwarhrt dern Höffern.

In einem Frage- und Antwortkatalog werden die Rechte und Pflichten der Hofbewohner festgehalten. Das Weistum im Wortlaut findet sich auf den folgenden Seiten.

Ebenfalls erhalten in Adenau ist ein  Zinsregister von 1707, aus dem wieder die Zugehörigkeit des Roder Hofes zur Vikarie St. Anna zu ersehen ist. Hier wird auch angegeben, wo der Hof gelegen hat, nicht so genau, wie wir es heute nach der Landkarte beschreiben können, aber immerhin Wegen der Roder Hoff Gütter zwischen Müllenbach und Eppenberg gelegen.  Da die Dörfer Müllenbach und Eppenberg keine gemeinsame Grenze haben, können wir davon ausgehen, dass hier von der Ulmener Gemarkung Eppertsberg die Rede ist. 

Am 16. Dezember 1698 wurde der Hof mit Beschreibung aller zugehörigen Wiesen, Felder und Ländereien von der Vikarie Adenau  an Johann Wagner   von Müllenbach auf 10 Jahre verlehnt. Lehnsherr ist Johann Engelbert Heimerzheim, von 1672 – 1799 Vikar an St. Anna in Adenau und Canonikus in Münstereifel . Engelbert Heimerzheim verlehnt den Hof in beysein seiner schulteyssen frantz müller, michel schuberack und claß bell von Eppenberg, so 75 jahre alt. Den beiden Schultheißen Franz Müller von  Kalenborn und Michael Schuwerack von Eppenberg  wird man später auch wieder in den Kirchenbüchern von Masburg begegnen, ihr Tod ist dort verzeichnet. 9)
Anno 1709, den 10. April ist der roder hoff im Kirspel masburg gemessen worden auf Veranlassung des Lehnsherren Johannes Satzfey, Rector am St. Anna-Altar, Adenau. Wieder sind Franz Müller, zeitlicher Schultheiß zu Kalenborn, und  Michael Schuwerack zu Eppenberg dabei,  außerdem Niclaß Schmitt der Junge, ebenfalls aus Eppenberg, und Markus Daheim aus Müllenbach. Die Vermessung nimmt Christian Meurer, Send- und Gerichtsschöffe aus Welcherath, vor, wie im gleichen auch geschworner Landmesser, der  ordiniert war zu Trier und  mit äugener Handt auff und underschriff, d.h., er listet selbst auf, was er ausgemessen hat.
 
Aus der erhalten gebliebenen Güterbeschreibung von 1698 und der Landvermessung von 1708  kann man erkennen, dass die zum Hof gehörenden Felder weit in den Gemarkungen von Müllenbach, Laubach und Masburg verstreut lagen. Vielleicht ist dies der Grund, dass Johann Wagner 1705 zusammen mit Johann Welling aus Müllenbach von den Adeligen Erben Felder auf Gerhardsroth für 8 Reichstaler jährlich pachtet. Dabei sollen sie Aufsicht über das Gewäld haben und dafür das Pfandrecht geniessen.10) Von diesem Zeitpunkt an findet man die Pächter des Gerhardsrother Hofes auch in den Polcher Akten der Dingtagsprotokolle.

Obwohl die Eigentumsverhältnisse in Hochpochten recht klar waren, stritten sich alle Beteiligten um die Nutzung des Waldes, um die Ansiedelung der Höfe dort oben und die Zehntabgaben ihrer Pächter. Nachdem der Polcher Dingtag in 1690 Rodungen und Neugründungen in Hochpochten erlaubte, wurde auch den Bewohnern gerodetes Land  zehntfrei zugestanden. Es entstand ein Streit zwischen dem Ulmener Pfarrer Schweistal und seinen Pfarrkindern. Der Ulmener Pfarrer beanspruchte den Novalzins und die Seelsorge für die Hofleute in Hochpochten, während die ihre Zugehörigkeit eher in Müllenbach sahen. Daß auch der Alflener Pastor sich mit Hinblick auf die Zehntabgaben für zuständig erklärte, ist leicht zu verstehen. So sind dann auch die Geburts-, Heirats- und Sterbedaten der Hochpochtener Bewohner in allen Kirchenbüchern rundum verstreut,  bis 1747 endgültig entschieden wurde, dass die Bewohner nach  Müllenbach eingepfarrt wurden.  Ein eigenes Matrikelbuch wurde angeschafft, großzügig gestiftet von Johann Theodor Moritz, Bürger und Schiffer aus Klotten, der sicher vom Holzhandel aus Hochpochten oder vom Schiefertransport aus Müllenbach  profitierte. Die Seelsorge übernahm als erster der Ulmener Burgkaplan Esch, der nun die kirchlichen Daten seiner neuen Pfarrkinder in dem Kirchenbuch „Pochten“ notierte.

Den Schirmgulden bezahlten die Hofleute aus Hochpochten nach Ulmen, in der Schirmguldenliste 1720 wird dort Franz Werner genannt.11)   Er ist der erste Pächter des Gerhardsrother Hofes, dessen Name dann auch in den Kirchenbüchern auftaucht. Seinen Tod am 16.01.1728  notiert der Pastor in Alflen. Franz Werner stammt aus Kaifenheim, Sohn von Eberhard Werner und Margarethe Frank. Sein Bruder Adam Werner übernimmt in Kaifenheim  am 15. August 1715 eine Bürgschaft in Höhe von 100 Reichsthaler “für seinen Bruder Franz, Hofmann in Pochten”. In einem Extractus der Ulmener feldt- und wiesen protocolli, datiert vom 28. April 1756, werden die Steuerpflichtigen aus Hochpochten genannt: die Ritterschaft, so Franz Werner als Hofmann aus Gerhardshof .

Ob er den Hof als Schwiegersohn des Johann Wagner  übernommen hat, lässt sich nicht mehr feststellen. Seine Tochter Catharina jedoch heiratet den Johann Theodor (Dietrich) Alflen aus Laubach. Der Heiratseintrag der beiden ist in keinem Kirchenbuch verzeichnet, auch nicht alle Geburten ihrer Kinder sind registriert. Von Johann Theodor Alflen hören wir in 1743, als der Streit um die Pfarrzugehörigkeit noch nicht entschieden war und die ganze Gemeinde Müllenbach mit vorhergehendem Glockenschall von dasigem Bürgermeister angetrieben in Hochpochten für den Müllenbacher Kuraten den Zehnt eintreiben will und dem Hofmann in Gerhardsroth 21 Garben Korn mit Gewalt vom Karren raubt. Am 30. Juni . 1750 wird der Lehnsvertrag für den Gerhardsrother Hof erneuert. Dietrich Alflen erhält den Hof für weitere 9 Jahre zur Pacht und ist verpflichtet, jährlich 23 Thaler Pacht zu zahlen, je die Hälfte an Dreikönig und am Tag Johannes des Täufers. 16)

Am 09.04.1751 stirbt Johann Theodor Alflen auf dem Gerhardsrother Hof, seine Frau Catharina heiratet ein Jahr später den Nachbarn Johann Nikolaus Brost, der nun als Hofmann die Lehnung übernimmt und ebenfalls  mit den Adeligen Erben in Polch einen Lehnsvertrag unterzeichnet. Gegen die Vertragsbedingungen klagt sein Stiefsohn Johann Alflen. 17)

Der Vater sei nun schon 8 Jahre tot, meine Mutter hernächst ist zur anderen Ehe geschritten und Johann Niclasen Prost zur ehe und modo Hoffmann genommen. Daß aber dieser mein Stiefvatter ermehlten [genannten] Hoff in Lehnung vor sich und die seinigen auch sogar nach dem ableben meiner Mutter sofort consequenter erhalten solle, hätte mich höflich zu beklagen, zwar ich geringfügiger Subitus [Untertan] gestehe gern, daß die gnädigen Herrren mit dem ihren zu schalten und zu walten haben, alleine ich bin der älteste Sohn , habe von Jugend auff meinem Vatter, einen bekränkelnden Mann, treulich in der schweren Arbeit fürgegangen, auch nach seinem Tott daß Lehen gethan, damit die übrigen kleinen Kinder erzogen, der Hoff im Stant erhalten und der schuldigen Pfacht aufgerichtet ist worden. Dahero bitte demütigst und wie ich einer bitten soll, die gnädigen Herren und Erben von Polch wollen mir, der mich im Februar dieses laufenden Jahres mit des Herrn Curati Nichte verheirate, aus Mildlichkeit Ihren Trost und Versicherung geben, daß darmahlen nach meiner Mutter tott die Bestäntnis miehr [mir] ermehlten Hoff zu Gerartsroth antreten können.

Es ist nicht bekannt, ob Johann Alflen die Zusicherung zur Übernahme des Hofes erhalten hat. Er zieht mit seiner Frau, der Nichte des Ulmener Hofkaplans, nach Müllenbach.

 Bei einer Bestandsaufnahme der Hochpochtener Höfe und ihrer Bewohner in 1769 wird auch  die Witwe Katharina Brost genannt. Sie lebt auf dem Gerhardsrodter Hof zusammen mit ihren sechs  Kindern und einer Magd und besitzt 2 Pferde, 18 Stück Rindvieh und 17 Schweine. Nach der Auswertung der Dingtagsprotokolle durch Wiedemann zahlt Katharina Brost 27 Reichstaler an die Adeligen Erben in Polch. Ihre Nachbarn zahlen fast die gleichen Beträge nach Polch und man ist geneigt anzunehmen, dass die Adeligen Erben den Gerhardsrother Hof inzwischen stillschweigend vereinnahmt hätten. Hier müssten die Quellen noch einmal genauer untersucht werden, ob diese Pacht nicht doch für die Felder und nicht für den Hof selbst gezahlt wurde.

 Katharina stirbt am 19.02.1792. Den Hof hat mittlerweile ihr Sohn Peter Alflen gepachtet, dem wir in den Kirchenbüchern als Hofmann auf Gerhardsroth begegnen und der in 1787 ebenfalls 27 Reichstaler Pacht nach Polch  zu entrichten hat. 

Es lässt sich nicht mehr nachvollziehen, wer den Hof gegründet hat, war es Gerhard von Virneburg, zu dessen Herrschaft das Kirchspiel Masburg gehörte? Gehörte der Hof zu den Rodungen des Gobel von Polch, so dass er über Ulmen und Virneburg an die Braunsberger kam? Fabricius, bezogen auf die Auflistung der Dinghöfe im Kirchspiel Masburg, vermutet ja, dass der Roder Hof identisch ist mit dem im Pfälzer Lehensbrief von  1357 genannten Rode. 12)
Wohl kaum  ist jener Remaclus aus Müllenbach, 1563 genannt im Kurtrierischen Feuerbuch  gehoirt uff Virnenburgh der Hofmann vom Roder Hof 13). Geben  doch die Höffer am Dingtag auf die  9. Frage : Wannehr  im Jahr zeith undt Tag dem herrn die Zins zu lieberen schuldig [?] die Antwort  von alters zu Remigii  [1. Oktober] Tag nach burgbroll zu lieberen schuldig gewesen. Den hier angewandten Zeitbegriff „von alters [her]“ dürfen wir sicher ausdehnen auf mehr als 100 Jahre, so dass man sich dem Urteil Fabricius’ anschließen möchte, der Roder Hof war 1357 Bestandteil des Pfälzer Lehensbriefes.

Am Vorabend der Französischen Revolution werden die Höfer in Hochpochten nicht mehr zum Hofgeding gerufen. Der Kurstaat Trier hat sich längst eine moderne  Verwaltungspraxis geschaffen, die das bäuerliche Rechtswesen mit Dingtag und Weistum abgelöst hat. In der Amtsbeschreibung Mayen 1789 14) heißt es zur Pfarrei Masburg: Der allgemeine Zehnd-Herr im Kirchspiel ist das Stift zu Karden. -  Der Pfarrer zu Masburg ziehet in dem Bezirk to Masburg, auf denen Höfen zu Marderthal und Rödtgen 1/3tel, das Stift zu Karden 2/3tel. 130 Jahre vorher konnten die Höffer dem Gerichtsscheffen noch stolz auf die Frage nach der Zehnfreiheit verkünden, der Roder Hof sei allerzehnt frey alß der Kirchhoff zu Masburg. So wie die Toten auf dem Masburger Kirchhof keinen Zehnt mehr zahlten, so waren auch sie davon befreit. Das hatte sich jetzt geändert, es muß also zwischenzeitlich eine, wohl stillschweigende, Besitzverschiebung eingetreten sein. Dies zeigt auch  noch einmal die umstrittene Zugehörigkeit in Hochpochten auf, den Schirmgulden zahlten die Höffer nach Ulmen, die Pacht nach Polch (oder Adenau), den Zehnt nach Masburg und Karden.

Obwohl der Hof durchgehend im 18. Jahrhundert in den Polcher Dingtagsakten erwähnt wird, ist er, wie sich noch erweisen wird,  nicht im Besitz der Adeligen Erben und es wird wohl auch keine Antwort geben auf die Frage, wie er in den Besitz der Pfarrei Masburg gekommen ist. 1806 wird Müllenbach von Masburg abgetrennt und zur selbständigen Pfarrei erhoben. Vermutlich wurde der  Gerhardsrother Hof dann in das Vermögen der Pfarrgemeinde Müllenbach übertragen. Als dann knapp 50 Jahre später dort eine neue Pfarrkirche erbaut wird, schaut man sich in Müllenbach nach Finanzierungsmöglichkeiten um.Dabei unterscheidet man in Müllenbach ganz klar in den Besitzverhältnissen in Hochpochten und trennt hier den Gerhardsrother Hof von den übrigen Höfen. Aus dem Protokoll zur Finanzierung der Pfarrkirche sei zitiert:

6. die herrschaftlichen Besitzungen von Hochpochten des Grafen von Boos et Cons., deren Bewohner von jeher zur Pfarrei Müllenbach eingepfarrt waren, sollen nach Maßgabe ihrer Steuern zu den Gesamtbaukosten der neuen Pfarrkirche in den Grenzen der bezügl. Ansätze herangezogen, hierüber eine Vertheilungs- und Umlagerolle aufgestellt, letzteren executarisch erklärt und zur Erhebung gebracht werden.

7. Von Seiten des Kirchenwarthes soll die bereits von der bischöflichen Behörde angeregt und in Verhandlung begriffen gewesene Veräußerung des der Pfarrkirche zugehörigen s.g. Roder Hofgutes ehestens aufgenommen, und die Veräußerung des hier in Rede stehenden Zwecke des Kirchbaus zur Ausführung gebracht werden, sei es nun, daß der Erlös zu den Kosten des Hauptbaus oder des inneren Ausbaus der Kirche zur Anwendung gelangt, was der Bestimmung der kirchlichen Behörde anheim gestellt bleiben soll. . 15)

Der Gerhardsrother Hof ist also im Besitz der Pfarrgemeinde Müllenbach, die übrigen Höfe in Hochpochten sind Eigentum der Rechtsnachfolger der adeligen Erbengemeinschaft. Während der Säkularisation war deren Besitz eingezogen, jedoch am 12.2.1825 wieder zurückgegeben worden.

So ganz widerspruchslos hat die Pfarrgemeinde Adenau den Besitzerwechsel aber wohl doch nicht hingenommen. In 1830 reklamiert sie noch einmal den Gerhardsrother Hof ,der immerhin 42 Taler Pacht eingebracht hatte, für sich.  Vergeblich; für 2964 Taler wird der Gerhardsrother Hof in 1851 zugunsten der Pfarrgemeinde Müllenbach verkauft.

Nach den Taufeinträgen im Taufbuch Müllenbach wurde 1858 das letzte Kind auf dem Gerhardsrother Hof geboren. Dann ist der Hof abgerissen worden. Die Familie Alflen, 150 Jahre  als Bewohner des Gerhardsrother Hofes nachgewiesen, verlässt den Hof und zieht auf die Ölmühle am Lessierbach




© Ursula Buchholz, Kennedystraße 28, 50126 Bergheim

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  1)   Fabricius V, dazu LHAK 1 C 4783
  2)   Wiedemann, Polcher Dingtagsprotokolle
  3)   wie 1
  4)   Janssen, Studien zur Wüstungsfrage
  5)   Balduineen und Originalurkunden im LHAK
  6)   wie 1
  7)   Regesten der Pfalzgrafen I 5907
  8)   LHAK 1 C 88 b, neue Ziffer
  9)   Ortsfamilienbuch Masburg-Müllenbach Nr. 3656 + 5301
  10)  wie 2, LHAK 1 C 4715/17
  11)  Kurtrierisches Extractenbuch – Eheguldenliste Ulmen LHAK 1 C 607/15313
  12) Wie 1
  13) Kurtrierisches Feuerbuch
  14) Beschreibung des Amtes Mayen, Karl Kaspar Meesen, Tom. VII, fol. 420
  15) 140 Jahre Pfarrkirche Müllenbach, S. 103
  16) LHAK 1 C 4808
  17) wie 16